Psychosomatik – 2 –

Da gerate ich ins Schwärmen über die tiefgründigen Wirkungen von solcher Art Umgang mit kranken Menschen und Krankheit und erwähne nur in Nebensätzen die Menschen, die sich für solch heilsamen Umgang zur Verfügung stellen könnten, die Aushörenden, die unverdächtigen, anteilnehmenden Zeugen.

Die strebsamen jungen Leute, die Medizin an den Unis studieren – dank Numerus clausus wohl überproportional vertreten sind das die „Abitur-Besten“ (Kopffüssler?) und solche, die sich lange Wartezeiten leisten können (reicher Leute Kinder?), also vermutlich weniger solche, die für das Heilen brennen – werden dank Bologna als Medizinal-Mechaniker sozialisiert. Dieser ununterbrochene Multiple-choice-Stress verlangt danach, sich Informationen in den Kopf zu kloppen, die nach dem Test vergessen werden ohne zu eigenem Wissen zu werden, und verhindert, sich in die ärztliche Kunst zu vertiefen. Die Physik-Prüfung im Grundstudium umfasst nur klassische Physik; an der WWU in Münster werden nicht mal Gedankengänge von Quantenphysik den künftigen Medizinern nahegelegt. Sie sollen fest stehen im Glauben an klare Objekte und an die Machbarkeit jeglicher Manipulation. Nach diesem harten Studium folgen Ausbildungsjahre in der Klinik, wo immer noch stramm sozialisiert wird in der Hierarchie des alten preußischen Generalarztsystems. Wie kann ein Mensch während solch langer Zeit sich den Heiler-Impuls bewahren? Wie kann ein Mensch trotzdem ein Aushörender, ein unverdächtiger Zeuge werden bzw. bleiben?

Und wie ist das mit all den anderen, z.B. den Heilpraktikern, Coaches, Psychotherapeuten, psychologischen Astrologen, zu denen Menschen kommen, die das Ausgehört-werden, den unverdächtigen Zeugen suchen? Das sind, nach meinen Eindrücken, oft Menschen, die etwas erlebt haben, denen in ihrem Leben etwas begegnet war, dass sie erst in einem zweiten Schritt zu diesem Heil-Beruf geführt hat. Sie bringen für diesen Beruf möglicherweise ein Stück Selbsterfahrung mit, die im günstigen Fall durch die zweite Berufsausbildung weiter gefördert wird.

Zum Aushörenden, zum unverdächtigen, anteilnehmenden Zeugen zu werden setzt voraus, selber vertraut zu sein mit den eigenen Schrecknissen, Verwirrungen in der eigenen Seele. Sie müssen lernen, der wortlosen Stimme des eigenen Körpers zu lauschen, damit sie die bei ihrem Klienten hören können, und lernen, »Überlebensemotionen« wie Wut und Entsetzen zu spüren, ohne von diesen machtvollen Zuständen überwältigt zu werden. Es reicht nicht, »eine Atmosphäre von relativer Sicherheit schaffen, eine Atmosphäre, die Zuflucht, Hoffnung und neue Möglichkeiten vermittelt«. Reine Anteilnahme und eine warmherzige therapeutische Beziehung reichen nicht aus, denn traumatisierte Menschen sind oft nicht imstande, Mitgefühl zu spüren oder anzunehmen. Sie sind zu niedergedrückt, zu sehr in einer Art von Abwehr befangen, die eher unseren amphibischen oder reptilischen evolutionären Vorfahren angemessen wäre. (Peter A. Levine: „SPRACHE OHNE WORTE Wie unser Körper Trauma verarbeitet und uns in die innere Balance zurückführt“ Aus dem Amerikanischen von Karin Petersen; 3. Auflage 2012; Kösel)

Wie komme ich dazu – ein pensionierter Bauingenieur – über Psychsomatik zu schreiben? Ich habe diesen heilsamen Funken von Herz zu Herz selber oft genug erlebt, der eine ‚Kranke‘ von einem Moment zum anderen gesund sein ließ. In der Gemeinschaft des Re-evaluation Counseling (RC, die amerikanische website) habe ich über Jahre (1976 – 1985) die Kunst des Zuhörens und des mir zuhören lassen geübt und deren erstaunliche Folgen erfahren und studiert. 1983 – 1987 war ich Schüler des amerikanischen Psychologen und Körpertherapeuten Michael Smith, der 1979 nach Westeuropa kam. In zehn rastlosen Jahren verhalf er vielen Menschen dazu, wieder mit ihrem lebendigen Kern in Berührung zu kommen und bildete einige von ihnen in dieser Arbeit aus. Michael Smith erwarb sich einen legendären Ruf als brillianter und in seiner liebevollen Radikalität unberechenbarer Bodyworker, der nach seinem Tod 1989 in den Herzen so vieler Menschen in unauslöschlicher Erinnerung blieb. Was wir da gelernt haben, beschreibt Loil Neidhöfer so: „Körperarbeit ist Kunst nicht Wissenschaft. Die Poesie der Sehnsucht ist ihre Sprache, nicht die Prosa des klinischen Berichts. Sie findet statt in der Beziehung, nicht in der Behandlung, in der menschlichen Beziehung, nicht in der therapeutischen.“

Und davon wünsche ich mir mehr für alle Menschen!

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