Psychosomatik-1

Die somato-psycho-soziale Bindung der Menschen

Ich war wohl in der 8. Klasse des Ratsgymnasiums, als das Standard-Deutschaufsatz-Thema nach den Sommerferien lautete „Meine schönste Urlaubslektüre“. Ich schrieb über Viktor von Weizsäcker „Der kranke Mensch“. Das Buch hatte ich 1951 unter den Neuerscheinungen in der Stadtbücherei gefunden. Ich war fasziniert von dieser völlig anderen Weltsicht, eine Besinnung aufs Menschliche, auf die Erforschung des Menschen, auf das Studium der Krankheiten als einer Weise des Menschseins, auf eine unvergeßliche dialektische Formel gebracht: „Nichts Organisches hat keinen Sinn, nichts Psychisches hat keinen Leib.“ Vom Deutschlehrer kam als Kommentar „darfst du denn sowas lesen“. Für mich hat der Eindruck, den dieses Buch auf mich machte, in meinem Leben bis heute gewirkt.

Weizsäcker will biografische Medizin treiben. Die Anamnese aus der Schulmedizin gilt natürlich auch in der anthropologischen Medizin. Aber hier wird sie zum Gespräch; in der Schulmedizin ist es eine Erhebung. Das heißt praktisch zunächst: den Kranken nicht schematisch ausfragen, sondern aushören: ihm ein Ohr bieten, das schweigend aufzunehmen versteht – und wir werden sehen, wie rasch und leicht er uns die wichtigsten Verhältnisse seines Lebens, seiner Nöte, seines Werdeganges erzählt. Wir werden alsbald die Krankheit als ein wichtiges Teilstück seinem äußeren und inneren Leben eingefügt sehen, eigentlich als Übergang, Gelenk oder Nahtstelle zweier Lebensabschnitte, als Krise oder als Schlusssumme seiner bewussten Erlebnisse, seiner unbewussten Lebensweise verstehen.“ Dieser Werdegang führt irgendwann zum letzten Übergang, dem Sterben. Welch ein Geschenk – für beide, den Erzählenden und den Zuhörenden -, wenn ihn die Schlusssumme seiner bewussten Erlebnisse dem Sterben heiter entgegensehen läßt.

Aktualisiert wurde mein tiefer Eindruck Mitte der 7oer Jahre durch Ausbildungsschritte in Gestalttherapie, zu der mich Hans Jörg Süß in Würzburg gedrängt hatte. Er gründete später (1976) das Institut für Integrative Gestalttherapie Würzburg (IGW) mit Katharina Martin, dass damit zu den Pionier-Instituten für Gestalttherapie im deutschsprachigen Raum gehört. Es handelt sich um ein Therapiesystem, das den Menschen als Leib-Seele-Geist-Subjekt zu erfassen sucht und das in seiner methodischen Orientierung phänomenologisch, also gegenwarts- und personenbezogen orientiert ist.

Darin ein Kernsatz ist die „paradoxe Theorie der Veränderung“: Veränderung geschieht, wenn jemand wird, was er ist, nicht wenn er versucht, etwas zu werden, das er nicht ist. „Wir sind alle mit der Idee der Veränderung beschäftigt, und die meisten gehen da heran, indem sie Programme machen. Sie wollen sich ändern. ›Ich sollte so sein‹ und so weiter und so weiter. Was aber tatsächlich geschieht, ist, daß die Idee einer vorsätzlichen Änderung niemals, nie und nimmer, funktioniert. Sobald man sagt: ›Ich möchte mich ändern‹ – ein Programm aufstellt – wird eine Gegenkraft in einem erzeugt, die von der Veränderung abhält. Änderungen finden von selbst statt. Wenn man tiefer in sich hineingeht, in das, was man ist, wenn man annimmt, was da vorhanden ist, dann ereignet sich der Wandel von selbst. Das ist das Paradoxe des Wandels. … Solange man ein Symptom bekämpft, wird es schlimmer. Wenn man Verantwortung übernimmt für das, was man sich selbst antut, dafür, wie man seine Symptome hervorbringt, wie man seine Krankheit hervorbringt, wie man sein ganzes Dasein hervorbringt – in dem Augenblick, in dem man mit sich selbst in Berührung kommt -, beginnt das Wachstum, beginnt die Integration, die Sammlung“ (Perls, F.S.: Gestalt-Therapie in Aktion, Stuttgart, 1974, 187).

Diese Haltung bewahrt mich, den Begleiter, davor, meinen Klienten verändern zu wollen, dabei zum hilflosen Helfer zu werden und in dieser Rolle dem sicheren „burn-out“ entgegenzuleiden. Sie unterstützt mich im Gegenteil darin, die Aufregung und die Freude bei meiner Arbeit zu behalten, sich die dafür notwendige Unsicherheit zu erlauben und auf diese Weise selbst in der Arbeit lebendig zu bleiben.

Dieser Eindruck aus dem Weizsäcker-Buchs von damals wurde wieder und noch tiefer aktualisiert ‚als mein Leben‘ Ende der 7oer Jahre, als ich in Münster zur der RC-Gemeinschaft gehörte und über Jahre fast täglich Councel-Sitzungen machte. Da erlebte ich wieder diese befreienden Arbeit des ’schlichten‘ Zuhörens, dessen heilsame Wirkungen: den councel-Partner aushören und mich von ihm aushören lassen: mir ein Ohr bieten lassen, das schweigend aufzunehmen versteht – als Gegenüber eines Menschen das erleben, was Weizsäcker in einem Radiovortrag über den „Versuch einer neuen Medizin“ erklärte: „Das Problem des Menschen (…) in dieser Art Medizin ist, dass er, der Mensch, seine Krankheit, die als Teil seiner ganzen Biografie zu verstehen ist, nicht nur hat, sondern auch macht. Dass er die Krankheit, die Ausdrucksgebärde, die Sprache seines Körpers produziert, wie er jedes andere Ausdrucksgebiet und jedes andere Sprechen formt.“ In Münster hatten wir Telefonkreise, wo wir uns zu jederzeit im Wahrnehmen unterstützen konnten, wie man seine Symptome hervorbringt, wie man seine Krankheit hervorbringt, wie man sein ganzes Dasein hervorbringt – in dem Augenblick, in dem man mit sich selbst in Berührung kommt, waren die Symptome, die Krankheit nicht mehr nötig, oft genug einfach weg. Unser natürlicher Zustand ist der in Gesundheit, in Liebe, Anerkennung und Wertschätzung für uns selbst und den Anderen.

Kürzlich haben wir die Asche eines Menschen in der Ostsee bestattet, mit dem ich zwei Jahre über mails verbunden war und der nun – einfach so im Mittagschläfchen – in die andere Welt gegangen war. Diesen mail-Austausch kopierte ich als Buch. Das schenkte ich dessen Kindern, aber zuerst tat ich das, damit ich die große Arbeit dieses Menschen, mit der er sich am eigenen Schopf aus einem Sumpf gezogen hat, griffbereit im Bücherschrank habe, falls mein Lebensschiff mal in ähnlich schwere See geraten sollte, als Vorbild und als Stütze. Durch das Buch lernte ich die gesunde „Christina“ kennen.

Der Arzt Dr. Steffen Rehm trägt viele Puzzlesteine zusammen über Multiple Sklerose als einer psychosomatischen Krankheit. Darin schreibt er zum Schluss „Im Internet findet man auch eine Stiftung zur Förderung der psychosomatischen MS-Forschung, genannt „Lebensnerv“. Auf der homepage unter „Erfahrungsberichte“ fand ich dort diesen Text von „Christina“, der meine „outsider“-Sicht mit einer „insider“-Sicht ergänzt.: Mein Heilungsweg 2000-2011″

Im Vorwort schreibt er „Mir ist klar, daß die hier niedergelegte Ansicht über Multiple Sklerose nicht dem wissenschaftlichen mainstream entspricht und wahrscheinlich nur von wenigen Lesern eingehend zur Kenntnis genommen wird. Zustimmung kann ich besonders von den Betroffenen und ihren Fachärzten nicht erwarten, weil meine Vermutung über psychosomatische Zusammenhänge von den Experten und Kranken schon seit vielen Jahrzehnten immer wieder diskutiert und vehement abgelehnt wurde. Wenn ich mir trotzdem die Mühe mache, auf die krankheitsfördernde Wirkung der Psyche zu weisen, so habe ich einen Grund: Ich sehe die pharmakologisch orientierte Medizin bei der MS auf dem Holzweg und glaube an die Möglichkeiten der Psychotherapie (im weitesten Sinn), positiv auf den Verlauf dieser Krankheit zu wirken. Meine Ansicht enthält eine Hoffnung für die Erkrankten, daß sie nicht als Opfer blinder Schicksalsmächte leben müssen, sondern selbst aktiv gestaltend in das Krankheitsgeschehen eingreifen können.“

Und dann bin ich bin auf ein Buch gestoßen, dass mir bewusst gemacht hat, wie denn wohl die verschiedenen „Wunder- oder Sofortheilungen“ zu verstehen sind, die mir im Laufe der Jahre mit Klienten begegnet sind. Von a wie Allergien über m wie Multiple Sklerose bis z wie Zöliakie kann sich das Symptom auflösen in einer Sitzung, rückstandsfrei. Und selbst wenn nur ein Bruchteil vom Geschriebenen stimmt – und ich mache ja seit Jahren ähnliches und glaube deshalb, dass es stimmt – dann haben wir hier ein großartiges Werkzeug! Ich denke mir, gerade die Heilpraktiker, Coaches, Psychotherapeuten, Ärzte, psychologischen Astrologen könnten daraus mehr machen – und alle anderen könnten für sich persönlichen Nutzen finden. Ich meine das Buch von Andreas Winter „Heilen durch Erkenntnis – Die Intelligenz des Unterbewusstseins. Sich selbst und andere heilen„; Mankau Verlag. Näheres auch in Winters website

Das alles passt auch sehr schön zu dem, was die Medizinanthropologin Beatrix Pfleiderer fand. In „ZeitGeist“, Ausgabe 2/2004 schreibt Jutta Gruber zum TARA-Process (den ich auch für mich schon ausprobiert und genossen habe): „… Schematisiert folgt der therapeutische Ansatz einer kulturunabhängigen, allgemein gültigen Theorie zum Erkrankungs- und Gesundungsprozesses:
1. Störfaktoren („energetische“ Entbehrungen) unterbrechen den Lebensprozess.
2. Der Körper produziert Symptome.
3. Die Symptome bekommen eine Geschichte.
4. Diese Krankheitsgeschichte bekommt einen Anfang (Urszene).
5. Die Betroffenen verbinden sich mit der Geschichte.
6. Innerhalb eines heilenden Feldes erkennen die Betroffenen ihre Beteiligung resp. Verantwortung.
7. Das heilende Feld löst die somato-psycho-soziale Bindung der Betroffenen an die lineare Zeit des Alltagslebens auf (= die „Geschichte“) und hilft ihnen, sich in einem neuen (tieferen) „energetischen“ Kontext ihrer Existenz zu positionieren.
8. In diesem Feld, dem Ort der Zeitlosigkeit, stellt sich die Verbindung zum Ursprung des Lebens der Betroffenen ein: zum Lebenswillen, zur Lebenslust, zur Bedingungslosigkeit des Lebens, was oft auch als Liebe empfunden wird.
9. Aus dieser Erfahrung der Urzeit entsteht die Wiedergeburt. Sie schreibt die Wunder in der Synchronizität. Der Blick in die große Dimension der eigenen Existenz hat stattgefunden.
10. Transzendiert kehrt der oder die „Betroffene“ als Mensch in sein Umfeld zurück.

Diese Stufenabfolge ist Beatrix Pfleiderers Antwort auf die Frage, wie Heilung geschieht …“ Mehr in der TARA-Website

Die Person zu sehen mit ihren Symptomen, nicht aber abzuheben auf „Krankheit“, verbindet zwei in ihrer Zeit große und erfolgreiche Ärzte, Hahnemann und Groddeck. Samuel Hahnemann veröffentlichte 1833 „Organon der Heilkunst“ wo er schreibt: „§. 9. Im gesunden Zustande des Menschen waltet die geistartige, als Dynamis den materiellen Körper (Organism) belebende Lebenskraft (Autokratie) unumschränkt und hält alle seine Theile in bewundernswürdig harmonischem Lebensgange in Gefühlen und Thätigkeiten, so dass unser inwohnende, vernünftige Geist sich dieses lebendigen, gesunden Werkzeugs frei zu dem höhern Zwecke unsers Daseyns bedienen kann.
§. 10. Der materielle Organism, ohne Lebenskraft gedacht, ist keiner Empfindung, keiner Thätigkeit, keiner Selbsterhaltung fähig; nur das immaterielle, den materiellen Organism im gesunden und kranken Zustande belebende Wesen (die Lebenskraft) verleiht ihm alle Empfindung und bewirkt seine Lebensverrichtungen.
§. 11. Wenn der Mensch erkrankt, so ist ursprünglich nur diese geistartige, in seinem Organism überall anwesende, selbstthätige (automatische) Lebenskraft durch den dem Leben feindlichen, dynamischen Einfluss eines krankmachenden Agens auf sie verstimmt; nur die zu einer solchen Innormalität verstimmte Lebenskraft kann dem Organism die widrigen Empfindungen verleihen und ihn zu den regelwidrigen Thätigkeiten bestimmen, die wir Krankheit nennen, denn sie, als an sich unsichtbare und bloss in ihren Wirkungen im Organism erkennbare Kraft giebt ihre krankhafte Verstimmung einzig nur durch Aeusserung von Krankheit in den Gefühlen und Thätigkeiten der den Sinnen des Beobachters und Heilkünstlers zugekehrten Seite des Organisms, durch Krankheits-Symptome zu erkennen und kann sie nicht anders zu erkennen geben.“

Georg Groddeck schreibt 1923 in, „Das Buch vom Es“, über das Es:
„3. Brief
… und das Unbewußte regiert; und nun gar erst bei der Wahl der Erkrankung, bei dem Wunsch, krank zu werden. Das ist lediglich Sache des Es. Denn das unbewußte Es, nicht der bewußte Verstand schafft die Krankheiten. Sie kommen nicht von außen als Feinde, sondern sind zweckmäßige Schöpfungen unseres Mikrokosmos, unseres Es, genauso zweckmäßig wie der Aufbau der Nase und des Auges, die ja auch vom Es geschaffen werden. Oder finden Sie es unmöglich, daß ein Wesen, das aus Samenfaden und Ei einen Menschen mit Menschengehirn und Menschenherz macht, einen Krebs oder eine Lungenentzündung oder eine Gebärmuttersenkung hervorrufen kann?

… Das nur nebenbei zur Erklärung, daß ich nicht etwa annehme, ein Mensch erfinde sich das Leiden aus Bosheit oder Gier. Das ist nicht meine Meinung. Sondern das Es, das Unbewußte zwingt ihm diese Erkrankung auf, gegen dessen bewußten Willen, weil das Es gierig ist, boshaft ist und sein Recht verlangt. Erinnern Sie mich doch gelegentlich daran, daß ich Ihnen etwas darüber sage, wie sich das Es sein Recht auf Genuß verschafft, im Guten wie im Bösen.

… Nein, meine Meinung von der Macht des Unbewußten und der Ohnmacht des bewußten Willens ist so groß, daß ich sogar die simulierten Erkrankungen für Äußerungen des Unbewußten halte, daß mir das bewußte Sich-krank-Stellen eine Maske ist, hinter der sich weite und unübersichtliche Gebiete der dunklen Lebensgeheimnisse verbergen. In diesem Sinne ist es für den Arzt gleichgültig, ob er belogen wird oder die Wahrheit hört, wenn er nur ruhig und sachlich die Aussage des Kranken, seiner Zunge sowohl, wie seiner Gebärde, wie seiner Symptome prüft und daran herumarbeitet, schlecht und recht, wie er es vermag.

… Was für ein mühseliges Geschäft ist es, über das Es zu reden. Man schlägt irgendeine Saite an, und statt eines einzigen Tons erklingen viele, tönen durcheinander und verstummen wieder oder lassen neue aufwachen, immer neue, bis ein wüstes Brausen und Heulen entsteht, in dem das Gestammel des Sprechens untergeht. Glauben Sie mir, über das Unbewußte läßt sich nicht sprechen, nur stammeln oder besser nur leise dieses oder jenes andeuten, damit die Höllenbrut der unbewußten Welt nicht aus den Tiefen mit wüsten Mißklängen hervorbricht.

6. Brief
… Ich schrieb Ihnen früher einmal, daß es schwer sei, über das Es zu sprechen. Ihm gegenüber werden alle Wörter und Begriffe schwankend, weil es seiner Natur nach in jede Bezeichnung, ja in jede Handlung eine ganze Reihe von Symbolen hineinlegt und aus anderen Gebieten Ideen daran heftet, assoziiert, so daß etwas, was für den Verstand einfach aussieht, für das Es sehr kompliziert ist. Für das Es existieren in sich abgegrenzte Begriffe nicht, es arbeitet mit Begriffsgebieten, mit Komplexen, die auf dem Wege des Symbolisierungs- und Assoziationszwanges entstehen. …“

Nun, wieder fast 90 Jahre später, gibt es einen neuen Anlauf: jetzt von Andreas Winter, nach Dynamis und ES jetzt modern: Informationsmanagement. Ich bin neugierig, ob hier mehr Menschen mitgehen mögen.

Etwa zeitgleich zu Groddeck schrieb Viktor von Weizsäcker 1926 „Es ist eine erstaunliche, aber nicht zu leugnende Tatsache, daß die gegenwärtige Medizin eine eigene Lehre vom kranken Menschen nicht besitzt. Sie lehrt Erscheinungen des Krankseins, Unterscheidung von Ursachen, Folgen, Heilmitteln der Krankheiten, aber sie lehrt nicht den kranken Menschen. Ihr wissenschaftliches Gewissen erlaubt ihr nicht, über ein so ungeheures Geheimnis zu sprechen, und so wäre es unter der Würde oder über der Demut dieses Gewissens, vom kranken Menschen etwas Wissenschaftliches sagen und lehren zu wollen. – Der Arzt am Krankenbett freilich spricht zum, redet vom kranken Menschen. Aber dann ist er ja aus der Sphäre der Wissenschaft in die der ‚Praxis‘ (herauf- oder hinab- ?) gestiegen, und dort ist alles wieder ganz anders. Gerade dieser Übergang ist interessant. Er ist mehr als dies: er ist für den Jünger der Kunst, für den Arzt der Ort der Spannungen, der Notzustände, der Bildungsprobleme, der Ursprung einer spezifischen Kette von Lebens- und Denkbewegungen, die hier zu betrachten sind.“

An solcher Diagnose gegenwärtiger Medizin hat sich wohl bis heute kaum etwas geändert. Der Patient im Krankenhaus ist „der Blinddarm auf Zimmer 421“. Als ‚Kassenpatient‘ wird sein Aufenthalt und die Arbeit an ihm bezahlt nach Fallpauschale; er muss also schnellstens entlassen werden. Ist er ‚Privatpatient‘, kann er ausgebeutet werden für jeden Handschlag. Beide Patienten sollten besser nicht daran denken, dass in Deutschland jedes Jahr 17 000 Menschen nach Behandlungsfehlern sterben. Rund eine Million Menschen sterben nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) jedes Jahr an Fehlern und Pfusch von Ärzten. Falls die Ärzte eine Checkliste der WHO konsequent beachteten, könnten eine halbe Million Todesfälle pro Jahr vermieden werden, betonte WHO-Generaldirektorin Margaret Chan in Genf auf der Weltgesundheitsversammlung (taz v. 25.5.2012). Dabei entsteht der größte Teil der Todesfälle durch Infektionen und Nebenwirkungen von Medikamenten – sagen auch die in Deutschland zuständigen Leute für das Fehlermanagement. Könnte es sein, dass tatsächlich es die menschenunwürdigen Verhältnisse sind, die töten?

Mediziner und Biologen halten ja bis heute fest an dem Uhrmacher-Weltbild aus der Zeit Newtons. Seit über hundert Jahren zeigt uns die Quantenphysik etwas grundlegend anderes. Die selbst unter Physikern verbreitete Meinung ‚Quanten gibt es nur im unendlich Kleinen – bei uns im Makrokosmos gilt das nicht‘, kommt mir vor wie Pfeifen im Walde: mind. 23% der US-Wirtschaft basieren auf Anwendungen der Quantenphysik. Quantenphysik hat diesen Ruf von Esoterik vollkommen zu Unrecht. Man muss also sagen, wenn ein Viertel des Bruttosozialproduktes auf Anwendung dieser Theorie beruht, dann hat es mit Esoterik relativ wenig zu tun. Der Vortrag „Quantentheorie und Bewusstsein” von Prof. Dr. Thomas Görnitz bringt uns Informationen, wie wir uns selber besser verstehen könnten. Aus anderer, leider zZt. nicht erreichbarer Stelle, nehme ich einige Kernsätze, um auf mein Thema ‚Psychosomatik‘ abzuheben.

„… Nebenbei, es ist eines der spannendsten Phänomene im Zusammenhang mit der Quantenphysik, dass eine große Reihe der bedeutendsten Beiträge zur Quantentheorie von Physikern geleistet wurden, die im Grunde ihres Herzens, diese Theorie hassen oder verabscheuen. Vorurteil ist, dass die klassische Physik genau ist, und die Quantentheorie was mit Unschärfe zu tun hat. Quantentheorie — und das ist wesentlich — ist die genaueste und die beste Theorie, die wir haben. Und das ist auch der Grund, warum die Mediziner und Biologen Probleme haben, die Quantentheorie anzuwenden. Quantentheorie brauchen sie erst, wenn sie sehr genau werden. Die Physik hat dazu ein paar hundert Jahre gebraucht, und die Medizin und Biologie ist in der Regel noch nicht so weit, so genau arbeiten zu können, als das man merkt, dass man Quantentheorie braucht. Quantentheorie ist also das, was man braucht, wenn es sehr genau wird. Solange, wie man fünf Grade sein lässt, ist die klassische Physik hervorragend.

Die klassische Physik beruht darauf, dass es möglich ist, die interessierten Größen klein zu machen oder für beliebig kurze Zeiten zu erfassen. Und das hat natürlich Folgen. Die klassische Physik beschreibt die Welt als eine Ansammlung von Objekten, und wenn hier im Prinzip alles festliegt, dann können wir Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft als Fakten behandeln. Das heißt, wenn nichts wirklich zufällig passieren kann, dann ist alles vollkommen determiniert, und wir haben also eine Sicht auf die Welt, also eine Welt von Fakten und Objekten. Wenn ich das Wasser trinke, dann bringe ich Sauerstoff und Wasserstoffatome in den Körper.

Die Quantentheorie zeigt uns: es gibt nicht den allergeringsten Unterschied zwischen dem einen Wasserstoffatom und einem anderen. Das heißt, die Idee, die Atome würden ausgetauscht, ist vollkommen leer. Jetzt kommt die Quantenphysik und sagt, die Zerlegung der Welt in Teile, die nicht miteinander zu tun haben, ist armselig. Das Ganze ist mehr als die Summe der Teile. Die Quantentheorie hat, wenn man sie veranschaulichen will, eher eine Struktur von einer Beziehung. Beziehungen haben eine multiplikative Struktur, d.h. hier sehen Sie sofort einiges. Da kann ich jede Menge ablesen. Beziehungen sind mehrdeutig.

Klassische Theorie ist eine Theorie über Fakten, und Quantentheorie ist eine Theorie über Möglichkeiten. Fakten entstehen erst, wenn Möglichkeiten zerschnitten werden. Das bedeutet, in der Quantentheorie ist es unmöglich, ein Einzelobjekt, seinen Zustand objektiv kennenzulernen. Das ist ganz wichtig, weil in den Wissenschaften fast überall und immer noch dieses Objektivitätsideal der klassischen Physik im Gange ist. Die Quantentheorie sagt, wenn ich eine Ganzheit zerlege, dann verliere ich etwas in einem Zusammenhang. Das ist natürlich bei einem Frosch so, wenn Sie den zerlegen, den können Sie nicht wieder zusammensetzen. Also die Messung bedeutet, — und das ist schwierig zu akzeptieren, auch für die Physiker —, Verlust von Informationen. Nämlich Verlust von den Möglichkeiten, die vor dem Faktum da gewesen waren.

Gedanken von Außen können Sie im Gehirn nicht finden. Diese Photonen in der Telekom-Glasfaser können Sie von außen auch überhaupt nicht finden. Beweist gar nicht, dass sie nicht da sind, sondern Sie können sie nur nicht finden. Daraus, dass Sie was nicht finden, können Sie nicht schließen, dass es nicht existiert. Und das ist mir wichtig, weil die ganzen Gehirnforscher noch keine Gedanken messen können. Sie können eventuell Vorformen von Gedanken oder Emotionen messen. Sie können feststellen, dass einer rechnet, aber nicht was.

Görnitz zeigt, dass eine Verallgemeinerung des Informationsbegriffes möglich wird, der so abstrakt und so allgemein ist, dass man sagen kann: Masse und Information ist genauso äquivalent, wie Energie und Information. Das ist natürlich ein wichtiger Punkt, um das Leib-Seele-Problem in Angriff nehmen zu können. Das würde nämlich bedeuten, dass die Information unserer Gedanken genauso real ist wie die Elementarteilchen in den Molekülen unserer Zellen. Das ist derselbe Grad von Realität — und das macht dann natürlich klar: Information kann auf Information wirken! Das ist evident. Das würde auch vollkommen im Rahmen der Physik ermöglichen, dass Gedanken auf Materie wirken können, weil es im Prinzip alles Eins ist. Das heißt, es ist ganz wichtig, dass wir hier keine im tiefsten Grund dualistische Weltsicht haben. Obwohl der Dualismus unvermeidlich ist. Wir brauchen ihn, wenn wir überhaupt miteinander reden wollen.

Das ist das Übliche, dass man meint, Information hat was mit Bedeutung zu tun. Shannon hat uns als erster gezeigt, man kann von Bedeutung absehen. Shannonsche Information ist bedeutungslos. Da ist vollkommenes Kauderwelsch von Zeichen genauso bedeutsam, wie ein beliebiger Brief. Da ist nur die Menge der Buchstaben das Maß für die Information.

Die Bedeutung ist etwas, — das ist sehr wichtig, dass man sich das klarmacht —, was der Empfänger von Information hinzufügt. Bedeutung kommt nicht, sondern wird erzeugt. Bedeutung ist etwas, was nur und erst bei Lebewesen entstehen kann. Ein Lebewesen ist etwas, was sterben kann. Die Möglichkeit, dass einlaufende Information die Existenz eines Lebewesen beenden kann, zwingt es dazu, diese Information zu bewerten. Leben bedeutet lernen, bedeutet aus alten Situationen etwas machen zu können, sich besser verhalten zu können. Genau dieses geschieht in Lebewesen. Das machen schon Einzeller. Information ist etwas, was vom Wesen her reflexiv gedacht werden darf. Information über Information ist das Natürlichste, was es gibt. Codierung ist das Wesentliche. Jede Information, die ich Ihnen gebe, verwandeln Sie. Es ist etwas, das auf Bewusstsein oder reflektiertes Bewusstsein hinzielt. …“

Und damit bin ich wieder beim Anfang: „Die somato-psycho-soziale Bindung der Menschen“. Die ganze Wahrheit ist unwissbar, und, ich treffe ununterbrochen Entscheidungen über meine Wahrheit. Die Bewusstheit meiner Wahl bedingt Kritikfähigkeit, die aus der Liebe zu mir selbst und nicht aus uneingestandener Angst vor dem Unbekannten kommt. Wenn ich den Teilchen-Welle-Dualismus meiner materiellen Existenz als Redeweise ganz akzeptiere, dann verlieren Selbstbestimmung, Selbstverantwortung, Selbstliebe ihren hypothetischen, ‚philosophischen‘ Charakter und werden handgreiflich und lebbar in der Buntheit und Vielfalt des Alltags. Dann gilt „Nichts Organisches hat keinen Sinn, nichts Psychisches hat keinen Leib“. Wenn wir den Kranken nicht schematisch ausfragen, sondern aushören: ihm ein Ohr bieten, das schweigend aufzunehmen versteht, werden wir sehen, wie rasch und leicht er uns die wichtigsten Verhältnisse seines Lebens, seiner Nöte, seines Werdeganges erzählt. Wir werden alsbald die Krankheit als ein wichtiges Teilstück seinem äußeren und inneren Leben eingefügt sehen – vor allem: der Kranke wird es sehen und darum neue Entscheidungen für sein Leben treffen. In dem Augenblick, in dem man in den Möglichkeiten der Beziehung zum anderen mit sich selbst in Berührung kommt, beginnt das Wachstum, beginnt die Integration. Transzendiert kehrt der oder die „Betroffene“ als Mensch in sein Umfeld zurück.

Leben ist im Grunde immer gesund. Ich lebe in der festen Überzeugung, dass es nur und immer nur „psychosomatische“ Krankheiten gibt, wenn es überhaupt „Krankheiten“ gibt. Doch solange wir von Dynamis, Es, innerem Informationmanagement, von der Äquivalenz von Masse und Information zu Energie und Information noch so wenig wissen wollen, uns so wenig einlassen mögen auf die Beziehungen zwischen Möglichkeiten, denen jedes ICH seine Bedeutungen zumisst, wo ich allem meine Bedeutung = Meinung zumessen will und damit die Möglichkeiten in die sagbare Sphäre der manipulierbaren Objekte unserer dualen Welt herüber ziehen will, so lange vertraue ich im Notfall mich gern dem echten „Schul-Mediziner“ an und erwäge seine Vorschläge zu Diagnose und Therapie – ein entzündeter Blinddarm wird dann weggeschnitten! Für Lucadous Magie der Pseudomaschine nehme ich mir Zeit, wenn ich glaube sie zu haben.

Trotzdem, was ist mit den inneren Zwängen, wie Vererbung, Erziehung, Krankheit? Und erst die äußeren Zwänge, wie Kapitalismus, Folter, Vulkanausbruch? Ist das Natur? Sind das SEPs (selbsterfüllende Prophezeiungen)? Kann ich wirklich beweisen, daß ich ahnungslos und unbeteiligt ‚da hinein geraten‘ bin, und, wenn ich ‚drin stecke‘, zum Leben oder zum Sterben mich entscheide? Nichts davon kann ich wirklich beweisen. Beweisen kann ich nur, daß ich zu allem und jedem im Kopf meine Bilder, Bedeutungen, Meinungen habe und drum herum meine entsprechenden Geschichten erzähle. Beweisen kann ich nur, daß ich zu jeder Geschichte Gleichgesinnte finden kann – und Uneinsichtige, solche, die mir das Gegenteil einreden wollen. Die Uneinsichtigen verurteile ich und fühle mich dann noch schlechter.

Am Ende dieses leibhaftigen Lebens in dieser alltäglichen Wirklichkeit steht der Übergang in die nichtalltägliche Wirklichkeit. Das nennen wir Tod und den Übergang Sterben. Warum fürchten sich so viele Menschen davor, obwohl sie sich dem doch planvoll daraufzuhandeln? Warum verdrängen das so viele? Da wartet Unglaubliches an Buntheit und Vielfalt auf uns!

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