Das Richtige tun

Der Sohn einer Freundin, gerade 18, gerade mit Führerschein, fuhr uns abends spät nach Hause. An jeder Kreuzung schien er etwas unsicher. Nun bog er eine zu früh links ab, obwohl er meinte, den Weg kennen zu müssen. Dann brach es aus ihm heraus: Er mache so viele Fehler – wir mögen bitte verzeihen, er schäme sich. Es nahm kein Ende. – Abgesehen vom Schämen (dazu sagte Alfred Adler in seiner Individualpsychologie: Schämen? Das ist nichts als die klammheimliche Freude, dennoch getan zu haben, was ich wirklich wollte); was muss dieser junge Mensch erlebt haben, dass er solchen Horror vor dem Fehler-machen hat?

Wir haben versucht, ihm nahe zu legen, dass wir, alle beide, schon tausende von Fehlern gemacht haben und dass jeder Fehler ein Fest sein könnte, weil sich dabei, nur dadurch, etwas Neues lernen lässt. Ida hat dafür eigene Zeiten in ihren Seminaren über Qualitätsmanagement: Fehler sind eine Chance, kein Versagen. (Natürlich ist das anders z.B. in der technischen Fertigung. Da gilt „Null-Fehler“ – Das Samsung-Gehäuse 1/1000stel zu klein und das Smartphone 7 ging in Flammen auf). Fehler, als Suchbewegungen, im normalen Alltag, sind unsere notwendigen Lebens-Hilfen, die nur wir selbst uns geben können. Ob er es hören konnte?

Woher kommt dieser Wahnsinn, stets das Richtige tun zu müssen/ wollen/ sollen. Wer ist der Oberbestimmer? Woher kommt diese Intoleranz gegen sich selbsr – und in so jungem Alter? Ich finde das fundamentalistisch, ähnlich Terroristen oder Pegidisten, die wegen ihrer Überzeugung vom richtigen Tun über alle Grenzen gehen. ‚Das Richtige tun müssen’ aber klingt mir ähnlich absurd wie die Pilatus-Frage ‚was ist Wahrheit?‘. Pilatus fragte das am Ende seines Verhörs mit Jesus. Er fragte das nicht, weil er anfing, sich für die Wahrheit zu interessieren, sondern weil er damit schon längst aufgehört hatte. Er fragte es abfällig, spöttisch, zynisch, vielleicht auch resigniert: Denn er kannte sie ja auch – Fundamentalisten gibt es zu allen Zeiten.

Aber es ist eine Grundfrage prall von polarer Dynamik, weshalb sie wohl schon vor 2000 Jahren Pilatus in den Mund gelegt wurde. Will ich diese Pilatus-Geschichte verstehen, muss ich zur Textquelle gehen, NT, Joh 18, 33 ff. Die zeigt mir dann  den harten Kern unserer FMK-Grundsätze, in den Worten seiner Zeit:

<<Da ging Pilatus wieder hinein ins Prätorium und rief Jesus und sprach zu ihm: Bist du der Juden König? Jesus antwortete: Sagst du das von dir aus, oder haben dir's andere über mich gesagt? Pilatus antwortete: Bin ich ein Jude? Dein Volk und die Hohenpriester haben dich mir überantwortet. Was hast du getan? Jesus antwortete: Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Wäre mein Reich von dieser Welt, meine Diener würden darum kämpfen, dass ich den Juden nicht überantwortet würde; aber nun ist mein Reich nicht von hier. Da sprach Pilatus zu ihm: So bist du dennoch ein König? Jesus antwortete: Du sagst es: Ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich die Wahrheit bezeuge. Wer aus der Wahrheit ist, der hört meine Stimme.>>

In königlicher Selbstliebe, Vollwertigkeit, Selbstverantwortung, Souveränität, Gleichwertigkeit und Subjektivität sagt Jesus das. Er sagt das uns, damit wir es hören, verstehen! Ja, ich bin König, nicht Krieger eines Königs, nicht Priester eines Gottes, kein Knecht. Denn ich lebe aus meiner Wahrheit. Und jeder, der aus solcher Wahrheit lebt, der versteht das, kann das hören, spricht mit solcher Stimme. Und der Vertreter der äußeren Macht, der weltlichen, der politischen, des Mainstream, der Familienbande, beweist eben darin seine knechtische Haltung, dass er genau nicht hört, nicht versteht, dass er diese Art von Wahrheit nicht kennt, indem er die berühmte und von allen Knechten gern wiederholte Frage stellt: was ist Wahrheit (nämlich die welches Herren).

Wer als Fahranfänger sich verbieten will, Fehler zu machen, will sich verbieten, weiter zu lernen. Lernen ist ja nicht, etwas von anderen abzukupfern, Regeln zu kopieren. Lernen ist, ständig die Suchrichtung zu verändern, bis ich ein möglichst weites Spektrum meines Lebensraumes ausgemessen habe und das Ausmaß meiner Regeln finde.

Das Leben stellt mir ununterbrochen Fragen und nur ich selbst kann antworten, Selbstverantwortung. Ich wähle, welche Suchrichtung ich von den zahllos möglichen einschlagen will, meine Richtung, jetzt passend. Das ist meine richtige Entscheidung. So nur kann ich das Richtige tun. Nur so kann ich beim Fehler meine Entscheidung revidieren – lernen. Wenn ich Regeln von anderen kopiere, kann ich beim Fehler nicht wissen, ob ich oder wie ich diese Regeln möglicherweise falsch kopiert, falsch verstanden, falsch interpretiert habe. Das zu erkennen ist nur bei der eigenen Entscheidung möglich.

Wenn ich durch Zufall, Intuition, Erfahrung, Gewohnheit eine Suchrichtung eingeschlagen habe, auf der ich das gewünschte Resultat/ Ziel getroffen habe, dann war das richtig, hatte ich Rechtweisung, meine Wahrheit, mein Leben. Das Richtige tun; das richtige Tun.

Tja, und da stehe ich vielleicht auch gerade, Fahranfänger seit dem Tag nach Weihnachten, nämlich vor einer konkreten, völlig neuen Lebenssituation, einer Krebsdiagnose, samt der Information aus dem Internet “statistische Lebenserwartung ab Diagnose ca. 2 – 5 Monate“ – fast zwei sind davon rum.

Hey, eigentlich fühle ich mich so wohl wie an jenem Tag, wenn nicht besser. Denn seit ich aus der Diagnosemühle des Krankenhauses raus bin und mich mit meinen Mitteln zu einem Besseren unterstütze, nehme ich nicht mehr ab, nachdem allein die Woche im Krankenhaus fast 2 kg kostete.

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