Reminiszenzen – 2 –

Über Beziehungen, Kinder, Eltern
aus <https://www.selbsterkenntnis-eigensinn.de/iii_personaler_bezug.html> FREUNDSCHAFT MIT KINDERN - Heft 4 - 09/1982, S. 63f, "12.5. Jans (Beziehung Kind Eltern)"

Wie lernt man FREUNDSCHAFT MIT KINDERN? Die Frage geht an mir vorbei. Wer ist „man“? Und mit welchen Kindern? Ich weiß, wer ich bin und kann über ein Stück meines Weges berichten. Bei meinem ersten und zweiten Kind – ich bin Vater von vier Kindern, zwischendurch hatte sich als fünftes ein Pflegekind dazugesellt – hatte ich für den Umgang mit Kindern vor allem die Verhaltensmuster im Hinterkopf, die ich als Kind von meinem Vater lernte. Für viele Menschen ist er eine imponierende Persönlichkeit. Von ihm kriegte ich oft zu hören „Was man will, das kann man auch“ – ‚(Aber du willst ja nicht [was ich will])‘! Und das heißt tödliche Feindschaft und Krieg.

Als 18jähriger brachte ich mir autogenes Training bei und mich perfekt zu programmieren. Als 40jähriger, vor sieben Jahren, merkte ich, daß ich meine Programmierung, irgendwo im Hinterkopf, für meinen wahren Willen gehalten habe, daß ich den Jans, den Säugling, das Kind, den Jugendlichen habe vergessen wollen, zuprogrammiert habe, sitzengelassen habe, wo immer es damals für mich lebensnotwendig erschien.

Heute bin ich mir sicher, daß ich zu jeder Zeit und in jeder Situation mein Bestes für mich getan habe, wie kraus und anstrengend sich die damals gelernten Überlebenstechniken später und bis heute auch auswirken. Und ich bin gewiß, daß wohl die Vergangenheit festgelegt ist, das aber in jeder neuen Sekunde jetzt ich frei bin für neue Entscheidungen für die Zukunft, die sich hin auf zahllose Zukünfte verzweigt.

Mit viel liebevoller Unterstützung, die ich mir von vielen Menschen holte, konnte ich mich in die Keller der Erinnerung trauen. Manche waren hell und bunt, manche kalt und leer, in manchen saß das Kind ohnmächtig in der Situation, wo ich damals den Riegel vorgeschoben habe. Wieviel Energie hatte ich in immer sicherere Ketten und Schlösser investiert. Jetzt kann ich die Spannung von den Schmerzen von damals herausweinen, genauso das Zittern, das Toben, das Lachen herauslassen. Dabei ergibt sich, spontan, daß ich die alten Informationen unter neuem Blickwinkel auswerte.

Und das Kind, der Keller, die Ketten und Riegel? Ich muß sie nicht mehr von mir abtrennen. Sie sind ICH. Alle Energie, die ich jahrzehntelang aufgewendet habe, um mich an dieser Stelle zu unterdrücken, totzustellen, ist wieder freigeworden. Die Spannung aus der alten Situation ist abgeflossen. Sie hatte mich gehindert, alle neuen und nur ähnlichen Situationen wirklich neu und real zu erleben. Wo Panzer war, ist jetzt Leben. Dieses Leben mag ich heute und hier bestehen, nicht in der Zukunft, eingezäunt mit Damals.

Ich kann die Panzer meiner Kinder anschauen, wo ich ihnen Schmerz zugefügt habe, und ich kann mich einlassen auf ihre Offenheit, die sie mir vorleben. Das macht mir nur noch gelegentlich Angst. Und ich kann stehen zu Schmerz, Angst, Wut, Lächerlichkeit, die ich auch heute noch gelegentlich um mich verbreite, denn ich habe noch viele unerforschte Keller; Keller, denen ich durch die Freundschaft meiner Kinder immer näher komme. Und ich merke, wie sich in mir und um mich mehr und mehr Klarheit und Liebe ausbreitet.

Noch eines. Mein Vater imponiert mir nicht mehr, denn ich kann jetzt seine Liebe fühlen. Ich bin geborgen in der Liebe und Fürsorge auch meiner Eltern, aller Menschen, eben: Freundschaft mit Kindern.

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