Meine Grundlagen amicativer Lebensweise

Der persönliche Rahmen

1. Selbstliebe

„Ich liebe mich so wie ich bin“. Diese konstruktive Weltsicht begründet sich aus dem existenziellen Lebenswillen und ist verkörpert in jeder einzelnen Zelle, weil sie biologische Grundlage alles Lebendigen ist. Selbstliebe ist frei von Egoismus und ist umhüllt von Nächstenliebe. Bei vielen Menschen ist die Selbstliebe dick überkrustet von Selbsthass aus adultistischem Erziehungsdruck von Säugling an („du musst anders sein – klüger, schneller, etc. werden!“). Dennoch kann die Selbstliebe durch nichts und von niemand infrage gestellt werden. Wird diese grundlegende Selbstliebe bewusst, verbreitet sie sich als Nächstenliebe hin zu allen Wesen. Je tiefer das Bewusstwerden der eigenen Selbstliebe wieder erwacht, desto höher wird die Achtung für die Selbstliebe aller Wesen.

2. Vollwertigkeit

Auf der Basis der Selbstliebe ruht das Bewusstsein der eigenen Vollwertigkeit. Jeder Mensch ist von Anfang an ein vollwertiger Mensch. Niemand muss an sich arbeiten, sich verbessern oder erzogen werden, um ein »richtiger«, »besserer«, »gesünderer« oder »glücklicherer« Mensch zu werden, denn ein jeder ist zu jedem Zeitpunkt seines Lebens dieser einzigartige vollwertige Mensch. Natürlich wird man sich jederzeit verändern, denn Leben ist Rhythmus, ist ständige Veränderung: dies geschieht stets auf dem 100-Prozent-Plateau der Vollwertigkeit und Selbstliebe. Ich bin der Mittelpunkt des Universums, das ich zu jedem Moment durch mein Wahrnehmen, Denken und Handeln in meinem Bewusstsein neu erschaffe, und ich weiß mich als Nebenpunkt oder nichtexistent in all den anderen Universen. Je tiefer das Bewusstwerden der eigenen Vollwertigkeit und Selbstliebe wieder erwacht, desto höher wird die Achtung für die Vollwertigkeit und Selbstliebe aller Wesen.

3. Selbstverantwortung

Auf der Basis der Selbstliebe und Vollwertigkeit ruht das Bewusstsein der eigenen Selbstverantwortung. „Nur ich bin für mich verantwortlich!“   Menschen werden als für sich selbst Verantwortliche gezeugt und geboren. Das eigene Beste können daher allein sie selbst wahrnehmen. Dies ist keine Anlage, die erst im Laufe des Älterwerdens entfaltet werden kann. Das ist eine Qualität des Lebendigen, die von Anfang an uneinschränkbar wirkt. Die Selbstverantwortung geht niemals verloren, was im Leben auch geschehen mag. Sie kann nur vor dem eigenen Verstand verborgen werden, solange der adultistische Selbsthass noch zu groß ist und die Opferhaltung die größere Rendite verspricht. Offen gelebte Selbstverantwortung beginnt mit der Entscheidung zur Bereitschaft, Ursache in den Angelegenheiten meines Lebens zu sein. Letztendlich ist es ein Weltbild, von dem aus ich wähle, mein Leben zu leben. Selbstverantwortung schafft nicht Lob, Verdienst, Bürde, Schande oder Schuld. Bei Selbstverantwortung gibt es keine Bewertung von gut oder schlecht, richtig oder falsch. Da ist einfach, was ist, und das ist meine Haltung, jetzt. Bewusst selbstverantwortlich zu sein beginnt mit der Bereitschaft, mit einer Situation umzugehen von dem Blickwinkel im Leben aus, dass ich der Verursacher davon bin, was ich tue, was ich habe und wer ich bin. Das ist nicht die Wahrheit. Es ist ein Ort, an dem ich stehen kann. Ich bin von mir autorisiert zum Autor des Drehbuchs meines Lebens; ich bin dessen Regisseur und dessen Hauptdarsteller und dessen wichtigstes Publikum! Je tiefer das Bewusstwerden der eigenen Selbstverantwortung, Vollwertigkeit und Selbstliebe wieder erwacht, desto höher wird die Achtung für die Selbstverantwortung, Vollwertigkeit und Selbstliebe aller Wesen.

4. Souveränität

Auf der Basis der Selbstliebe, Vollwertigkeit und Selbstverantwortung ruht das Bewusstsein der eigenen Souveränität. Niemand muss etwas tun, dulden oder unterlassen, was er nicht tun, dulden oder unterlassen will. Niemand unterliegt irgendeiner Pflicht, der er nicht selbst zustimmt, und er hat kein Recht gegen Andere, dem jene nicht zustimmen. Für keine Norm*) kann eine Berechtigung gefunden werden, dass sie über den Einzelnen gestellt werden könnte. Womit auch immer jemand konfrontiert wird: ein jeder entscheidet in eigener Souveränität selbst, wie er damit umgehen will. Die aus der Souveränität kommende Freiwilligkeit eröffnet den Zugang zu Kongruenz, Authentizität und Empathie. Ich bin der Schöpfer meines Universums; ich bin das Geschöpf meiner Schöpfung, dem ich auch die dunklen Seiten zugestehe wie z.B. Schmerz, Angst, Wut oder Bedürftigkeit, Ratlosigkeit, Begrenztheit, Fehlbarkeit. Je tiefer das Bewusstwerden der eigenen Souveränität, Selbstverantwortung, Vollwertigkeit und Selbstliebe wieder erwacht, desto höher wird die Achtung für die Souveränität, Selbstverantwortung, Vollwertigkeit und Selbstliebe aller Wesen.

 *) Der Inhalt des Rechts und seiner Rechtsnormen beruht auf der willensmäßigen und werte-verwirklichenden Gestaltung der gesellschaftlichen Ordnung, die sich an gesellschaftlichen Werten orientiert, die auch moralischer oder ethischer Natur sein können. Die Rechtsordnung ist eine Zwangsordnung; sie knüpft an unerwünschtes Verhalten einen organisierten Zwangsakt. Indem ich meine Rechte als Staatsbürger auf einem Staatsgebiet annehme, akzeptiere ich meine Pflichten in dessen Rechtsordnung. AMICATION betrachtet die Welt moralischer oder ethischer Normen, nicht die der Rechtsnormen.
Recht ist eine "normative Zwangsordnung", die auf die Steuerung menschlichen Verhaltens abzielt. Es ist ein rechtmäßiges Instrument von Herrschaft. Für die Beantwortung der Erage, ob eine Norm rechtmäßiges geltendes Recht sei, ist nicht entscheidend, ob ein bestimmtes Gesetz irgendeiner Gerechtigkeitsanforderung genügt, "Grundwerte" wie Menschenrechte  und Demokratie beachtet. Entscheidend ist allein, ob das Gesetz auf eine höherrangige Norm, nämlich die Verfassung zurückgeführt werden kann. Demfolge besteht kein notwendiger Zusammenhang zwischen positivem Recht und Gerechtigkeit. Es gibt keine letztgültigen, allgemein anerkannten Maßstäbe für 'das' Recht als solches, lautet die skeptische Einsicht der Rechtspositivisten. Im modernen Gesetzgebungsstaat ist das Recht - bis hin zur Verfassung - kontingent, das heißt, es ist das mehr oder weniger zufällige und wechselhafte Resultat gesellschaftlicher Machtverhältnisse. 
Anders gewendet, ins Individuelle: Ich blicke in einen Spiegel aus "Grundlagen amicativer Lebensweise". Die Frage nach der Qualität einer Rechtsordnung, etwa nach dem Stand der Menschenrechte, ist daher kein rechtswissenschaftliches Thema, sondern Sache von Politik und Ethik. So stellt sich auf anderer Ebene die Frage des Rechtsgehorsams. Denn aus dem rechtswissenschaftlichen Urteil, eine Norm sei geltendes Recht, erwächst keine ethische Pflicht, dieses Recht zu befolgen.
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5. Gleichwertigkeit

Auf der Basis der Selbstliebe, Vollwertigkeit, Selbstverantwortung und Souveränität ruht das Bewusstsein der eigenen Gleichwertigkeit. Nichts und niemand steht über oder unter einem anderen: Es gilt das Paradigma der Gleichwertigkeit aller Phänomene. Statt des vertikalen Denkbildes unserer patriarchalen Geschichte mit seiner Oben-Unten-Struktur gilt das horizontale Bild der großen Ebene, auf der jedes dingliche und nichtdingliche Gebilde gleichwertig seinen Platz hat. Jeder einzelne Mensch geht in eigener Verantwortung seinen Weg durch diese Vielfalt. Wie immer er sich entscheidet und nach welchen Kriterien auch immer er seine Wahl trifft, niemals wird das, für das er sich nicht entschieden hat, deshalb als minderwertig eingestuft. Ein jeder verbindet die postmoderne Gleichwertigkeit mit persönlicher Verantwortung zu seiner eigenen, konstruktiven und subjektiven Ethik. Je tiefer das Bewusstwerden der eigenen Gleichwertigkeit, Souveränität, Selbstverantwortung, Vollwertigkeit und Selbstliebe wieder erwacht, desto höher wird die Achtung für die Gleichwertigkeit, Souveränität, Selbstverantwortung, Vollwertigkeit und Selbstliebe aller Wesen.

6. Subjektivität

Auf der Basis der Selbstliebe, Vollwertigkeit, Selbstverantwortung, Souveränität und Gleichwertigkeit ruht das Bewusstsein der eigenen Subjektivität. „Jeder tut zu jederzeit sein Bestes für sich – unter Berücksichtigung der Informationen, die er hat, und der Regeln, die er zu deren Auswertung kennt. Und er verdient nicht, deswegen von irgendwem zurückgestoßen oder beschuldigt zu werden. Von niemand, auch nicht von sich selbst!“ („Der brave Mann denkt an sich – selbst zuletzt“). Menschen interpretieren die Welt – das kann jeder nur auf seine subjektive Weise. Es gibt nur Meinung, nicht Deinung. Objektive Urteile, von Menschen losgelöste Wahrheiten existieren nicht. Auch naturwissenschaftliche Erkenntnisse sind letztlich Erkenntnisse konkreter Menschen mit ihrer subjektiven Weltsicht und unterliegen dem Wandel der Geschichte. Das bedeutet, dass niemand zu Recht einem anderen seine eigene Sicht der Dinge verbindlich machen kann (»Sieh das ein, ich habe recht«), sondern dass jeder nur seine eigene, subjektive Sicht finden kann und kundtut. Denn ich weiß von mir: Soweit wie ich meine eigenen Grenzen anerkennen kann, nur soweit kann ich auch die Grenzen anderer respektieren – das bedeutet auch, für mich selber nachsichtig zu sein, wenn ich später erkenne, dass damals mein Bestes aus der Sicht von heute nicht gut genug war. Je tiefer das Bewusstwerden der eigenen Subjektivität, Gleichwertigkeit, Souveränität, Selbstverantwortung, Vollwertigkeit und Selbstliebe wieder erwacht, desto höher wird die Achtung für die Subjektivität, Gleichwertigkeit, Souveränität, Selbstverantwortung, Vollwertigkeit und Selbstliebe aller Wesen.

Der soziale Rahmen

7. Sozialität

Menschen sind sozial konstruktiv. Sie werden geboren mit dieser empathischen Potenz, die erwächst aus der Vollwertigkeit und Selbstliebe aller Wesen. Menschen halten nach dem Anderen Ausschau, um von ihm Wichtiges für sich selbst zu bekommen: dessen Gewogenheit, Sympathie, Liebe. Es geht um das biologische Bedürfnis nach Liebe, Anerkennung, Wertschätzung. Im eigenen Interesse kümmert sich der eine um den anderen (»sozialer Automatismus«); er sorgt dafür, dass es diesem gut geht, denn dies hat die Zuwendung des anderen zur Folge. Sozialität ist die Auswirkung der Selbstliebe. Niemandem muss Sozialität, Nächstenliebe, Kümmern um andere erst beigebracht werden: Menschen können das von Geburt an und sie praktizieren es um des eigenen Nutzens willen (es sei denn, sie werden in der äußeren Entfaltung ihrer Selbstliebe stark gestört).

8. Achtung der Inneren Welt

Selbstverantwortung und Subjektivität bewirken bei jedem einzelnen Menschen seine eigenständige und souveräne Innere Welt. »Innere Welten« gibt es als universelles Prinzip der inneren Struktur überall: in Atomen, Steinen, Pflanzen, Tieren, Menschen. Vor der Inneren Welt jedes Menschen besteht grundlegende Achtung. In die Innere Welt wird niemals eingegriffen in dem Sinne, dass dort etwas sein müsse, was der andere dort aber nicht haben will (»Sieh das ein!«)

9. Selbstbehauptung in der Äußeren Welt

Die Achtung vor der Inneren Welt bedeutet nicht das Erduldenmüssen von Handlungen in der Äußeren Welt. Auf der Handlungsebene verhält sich ein jeder so, wie dies seiner Verantwortung für sich selbst entspricht. Der lebendige Organismus hält sich stets in einem Optimum zwischen seinen äußeren und seinen inneren Bedingungen (Opportunitätsprinzip), so wie er diese wahrnimmt und bewertet. Dieses Verhalten in der Äußeren Welt kann den Vorstellungen des anderen entsprechen oder entgegengesetzt sein. Bei Konfrontation oder unüberbrückbarem Gegensatz steht es jedem zu, zur Sicherung der eigenen Identität so wehrhaft zu sein, wie man es kann und will. Doch bei aller Selbstbehauptung in der Äußeren Welt – dabei geht die Achtung vor der Inneren Welt eines jeden Menschen nicht verloren.

10. Empathie

Die Freiwilligkeit und die Achtung vor der Inneren Welt ermöglichen es, dass sich das Einfühlungsvermögen des Menschen so entfalten kann, wie das ein jeder wirklich will – und nicht so, wie es für irgendwen irgendwie sein sollte. Das empathische Potential des Menschen wird freigesetzt. Antworten auf die Fragen »Wer bin ich?« und »Wer bist Du?« werden im Aufspüren der real existierenden Personen, die ein jeder selbst und die der andere ist, auf einer tiefen emotionalen Ebene gefunden. Dies gilt stets jedoch nur soweit, wie ein jeder das angesichts der Umstände für sich realisieren will (es gibt keine Verpflichtung zur Empathie). Ein besonderer Bereich, den die Empathie erschließt, ist der Umgang mit Konflikten: die »empathische Konfliktlösung« tritt an die Stelle destruktiver Kämpfe.

11. Fehlerlosigkeit

Niemand kann einen wirklichen Fehler machen – denn es gibt keinen objektiven, über dem Einzelnen stehenden Maßstab. Wer könnte der Oberbestimmer sein? Verstöße gegen Vereinbarungen sind keine Fehler in einem objektiven Sinn, sondern für den Handelnden zum Zeitpunkt des Handelns sinnvolle Entscheidungen für Abweichungen vom vereinbarten Weg. Man kann sich meistens korrigieren*); dabei wird der nun zu korrigierende Schritt als sinnvolles Tun in der Vergangenheit geachtet. Jedoch hat jede Abweichung auch Konsequenzen, in meinem und in den beteiligten Universen

 *) auch der Chirurg, der in Gedanken an den nächsten Fall ein gesundes Bein statt des entzündeten Blinddarms abschneidet, hatte entschieden – leider hier unkorrigierbar.
12. Erziehungsfreiheit

Die Achtung vor der Inneren Welt, das Wissen um die Subjektivität der Erkenntnisse und die Anerkennung der Gleichwertigkeit aller Phänomene haben das Ende des kulturellen Missionsgedankens zur Folge. An die Stelle der Mission tritt Freundschaft: Freundschaft mit dem Kind in meiner Inneren Welt, mit dem Kind in Deiner Inneren Welt, mit den realen jungen Menschen („Kindern“) um mich herum, eben: FREUNDSCHAT MIT KINDERN – AMICATION. Keine andere Kultur, Religion, Ethik, Philosophie oder sonstige Position muss nach den eigenen Vorstellungen umgeformt werden. Dies gilt auch Kindern gegenüber und bedeutet die Überwindung des Kerngedankens jeglicher Erziehung: dass aus Kindern Menschen zu machen seien entsprechend den Vorstellungen der jeweiligen Kultur ihrer Eltern. Es wird die Beziehung zum Kind gesetzt an die Stelle einer Erziehung zum Menschen.

Ein Gedanke zu „Meine Grundlagen amicativer Lebensweise“

  1. hallo jans .. mich hats über hubertus blog zu dir geführt … und ich bin jetzt erstmal am lesen und hinfühlen und am mir selbst all die fragen aus deiner zusammenfassung beantworten … das kann möglicherweise länger dauern … was ich JETZT aber schon weiss ist dass ich dir sehr dankbar bin für die möglichkeit einen menschen kennenzulernen ohne ihn persönlich je gesehen zu haben bei dem ich eine gewisse resonanz in mir erlebe … alle diese informationen lassen ein bild von dir in mir entstehen das dich in mir widerspiegelt … und mir dadurch auch ganz viel über mich erzählt …
    schau ma moi … liebe grüsse aus wien … christa

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